Etappe 23 | Via Jacobi | Bregenz – Rorschach – St. Gallen
Wie befürchtet schlief ich wegen des vorangegangenen Buchungschaos unruhig. Ich hatte keine Lust auf eventuelle Erklärungen, aber da mussten wir jetzt durch. Auch oki – wie sich mein fast 25-jähriges Kind inzwischen rufen ließ – hatte Bauchprobleme und musste sich nachts mehrmals übergeben.
Entsprechend gerädert und angespannt erschienen wir im Frühstücksraum. Das liebevoll von der Empfangsdame Martina vorbereitete Frühstück konnten wir anfangs nicht richtig genießen. Ich bekam erst einmal nur einen Joghurt herunter. So konnte es nicht weitergehen. Es war wichtig, richtig gut zu essen. Wir brauchten viel Energie für den langen und anstrengenden Tag, der vor uns lag.
Ich beschloss, der ganzen Anspannung ein Ende zu setzen und ging an die Rezeption. Beim Bezahlen der Rechnung ging alles gut, ohne irgendwelche Erklärungen. Martina zeigte – wie schon letztes Jahr – große Begeisterung für unser Vorhaben, die Via Jacobi zu gehen und gab mit Bedauern zu, dass sie das selber aufgrund ihres „unglaublich schlechten“ Orientierungssinns leider nicht tun könne.
Allmählich ließ die Anspannung nach. Wir konnten endlich ordentlich frühstücken und durften sogar ein wenig vom übriggebliebenen Frühstücksbuffet als Proviant mitnehmen.
Nach dem Auschecken begaben wir uns zum Bahnhof, wo wir die S-Bahn nach Rorschach nehmen wollten. Auf dem Bahnsteig buchten wir noch unsere Zugtickets über die App der Schweizerischen Bundesbahnen SBB und fuhren dann pünktlich mit der S-Bahn der Österreichischen Bundesbahn ÖBB zum Startpunkt des Jakobsweges.
In Rorschach angekommen, machten wir auf dem Weg zum offiziellen Startpunkt der Via Jacobi – dem Jakobsbrunnen – einen Stopp bei einer Bank, um Schweizer Franken an einem Geldautomaten abzuheben. Bei dieser Gelegenheit wollte ich kurz mal was im Internet nachschauen und hatte merkwürdigerweise keine Internetverbindung! Wir kamen zunächst nicht drauf, woran es gelegen haben mochte. Da ich mich in einer bestimmten App auf meinem Smartphone einloggen wollte und okis Handy sich weiterhin mit dem Internet verbinden konnte, richteten wir auf dem einem Handy ein Hotspot für das andere ein. Auf diese Weise umgingen wir die Schwierigkeiten mit der Internetverbindung auf meinem Smartphone.
Mit den wunderschön bunten Schweizer Franken in der Tasche ging es für uns weiter bis zum Jakobsbrunnen. Da kam die nächste Überraschung um die Ecke! Der Brunnen war weg! Wir fanden leider nur einen kleinen Haufen Steine an dieser Stelle vor! Eine Baustelle anstatt eines Brunnens! Schade.
Wenn wir ja schon kein schönes Foto vom Brunnen machen konnten, dann wollten wir uns zumindest Stempel für unsere Pilgerausweise holen. Im nahe gelegenen Hotel Mozart ging die freundliche Empfangsdame unserer Bitte nach und stempelte die Ausweise ab.
Bevor wir den Jakobsweg so richtig in Angriff nahmen, stärkten wir uns auf einer Sitzbank unweit eines Supermarkts, in dem wir anschließend unsere Proviantvorräte wieder auffüllten.
Nun ging es Schritt für Schritt gen Süden, raus aus der Stadt. Hin und wieder blickten wir zurück auf den sich entfernenden Bodensee.
Am Ortsausgang erblickten wir eine lang ersehnte Bank. Es war die letzte ordentliche Sitzgelegenheit der Stadt. Nur leider ruhten sich gerade zwei ältere Damen auf ihr aus. Als wir uns der Bank näherten und die Frauen grüßten, boten sie uns an, sie für uns frei zu machen. Wie nett! Dankbar nahmen wir das Angebot an.
Von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Schweizer gegenüber den Jakobspilgern erfuhren wir bereits in Bayern vom Herbergsvater Werner in der Pilgerherberge in Scheidegg.
Unsere erste gute Erfahrung machten wir gleich nach unserer Ankunft in der Bahnhofsunterführung in Rorschach. Eine Frau sprach uns einfach an und bot uns ihre Hilfe an. Anscheinend machten wir auf der Suche nach dem richtigen Ausgang einen verwirrten Eindruck.
Später auf dem Weg erreichten uns freundliche Buen-Camino- und Viel-Glück-Zurufe. Ein guter Ansporn, bevor es ans Eingemachte ging.
Das heutige Wetter war heiß und die Strecke schweißtreibend. Unserer „Tradition“ folgend verliefen wir uns wieder einmal, dafür kürzten wir die Strecke an anderer Stelle ab.
Die letzten fünf Kilometer ab Schaugenhof bis ins Zentrum von St. Gallen legten wir mit dem Bus zurück. Da ich weiterhin keine Internetverbindung hatte, ging ich wieder übers okis Handy (Hotspot-Lösung) mit seinem elf Prozent vollen und somit dahinsiechenden Akku ins Netz und buchte schnell unsere Bustickets. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. okis Handy verabschiedete sich rasant. Zum Glück hatten wir es zum Schuss doch noch geschafft, mit gültigen Tickets in den Bus zu steigen. Bei einer eventuellen Ticketkontrolle konnte ich die Screenshots der QR-Codes vorzeigen, die ich jedes Mal machte und anschließend auch an okis Handy sendete. Doppelt gemoppelt hält besser, wie es so schön heißt.
Die Busfahrt gab uns die Möglichkeit, kurz zu verschnaufen. Es war unsere Rettung.
Am Marktplatz in St. Gallen angekommen, kauften wir im nächstgelegenen Supermarkt Gnocchi und Pesto. Wir hatten im Vorfeld zwei Betten in der Pilgerherberge St. Gallen reserviert gehabt. Diese wunderbare und für Schweizer Verhältnisse preiswerte Übernachtungsmöglichkeit verfügt über eine Selbstkocherküche und Waschmaschine mit Trockner. oki erklärte sich bereit, heute Abend für uns zu kochen. Ich übernahm dafür die Wäsche.
Wir wurden gebeten, vor der Ankunft in der Herberge anzurufen. Dem wollten wir auch nachkommen. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass ich nicht nur keinen Internetzugang hatte, sondern nicht einmal normal telefonieren konnte. Da wurde uns klar, woran es lag: Mein Guthaben war alle! Jetzt rächte sich das Nichtkümmern um den richtigen Handytarif für die Schweiz! Wir fanden auf die Schnelle auch keine Möglichkeit, okis Handy mit Strom zu versorgen. Also beschlossen wir, die Herberge einfach auf gut Glück aufzusuchen und an der Tür zu klingeln oder zu klopfen.
Wir hatten Glück. Unser Klingeln blieb nicht ungehört. Der Herbergsvater nahm uns sogleich in Empfang. Er sagte uns, wir hätten besser davor anrufen sollen und hätten Riesenglück, dass er gerade da sei. Wir erklärten ihm daraufhin unser Handydesaster und waren heilfroh, in der Herberge zu sein.
Uns wurde ein kleines Zimmer mit einem einzelnen Stockbett zugewiesen. Da klingelte plötzlich das Handy des Herbergsbetreuers. Ein dritter Pilger meldete sich. Daraufhin wurde kurzerhand umdisponiert und wir bekamen ein größeres Zimmer mit zwei Stockbetten. Hurra! Wir konnten beide die unteren Betten beziehen.
Es dauerte nicht lange, da kam schon der Nachzügler. Günter, ein Gastronom aus Regensburg, hatte sich vorgenommen, so schnell wie nur möglich den Jakobsweg in der Schweiz und Frankreich durchzurauschen. Heute war sein erster Tag. Für einen längeren Austausch hatte keiner von uns Energie, also zogen wir uns jeweils ins eigene Zimmer zurück. Da die Herberge über WLAN verfügte, rief ich meinen Mann an und ließ meinen Frust bezüglich des Handytarifs bei ihm ab. Er stockte daraufhin mein Guthaben auf und ich überlegte mir, wie ich geldschonend durch die nächsten Tage komme. Und so ging ein anstrengender und nervenaufreibender Tag zu Ende.
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