Etappe 24 | Via Jacobi | St. Gallen – Herisau
Die Nacht in der Herberge war gut. Zum ersten Mal kamen unsere Schlafsäcke zum Einsatz. Ich fand das etwas gewöhnungsbedürftig, weil mich der Schlafsack etwas zu sehr in meiner Bewegung und Schlafstellung einschränkte. Ich wachte mit leichten Hüftschmerzen auf.
Das Frühstück bereiteten wir uns in der Küche der Herberge vor. Der Herbergsvater hatte uns gestern erklärt, wie hier alles läuft und dass wir uns an den Kühlschrankvorräten bedienen dürften. Ich deckte also den Tisch für uns zwei, während oki Semmeln vom Bäcker holte.
Unser Mitpilger Günter hatte vor, bei einem Bäcker zu frühstücken. Er machte auf mich einen etwas unentspannten Eindruck und er hatte auch kein großes Interesse, sich groß mit uns zu unterhalten. Das kann ich gut verstehen. In der Früh will man ja nicht trödeln, sondern sich auf den Weg machen. Wir dagegen konnten den Tag ruhig angehen lassen, weil wir für heute einen lockeren Besichtigungstag geplant hatten.
Irgendwann verabschiedete sich Günter von uns zwei und verließ die Herberge. Wir räumten nach dem Frühstück die Küche auf und machten uns marschbereit. Als wir gerade im Begriff waren, kurz vor neun Uhr die Unterkunft zu verlassen, klingelte es an der Tür. Es war der Günter. Völlig gestresst stürmte er herein und ging schnurstracks in sein Zimmer. Es stellte sich heraus, dass er seinen Geldbeutel vermisste. Zum Glück fand er ihn auf dem Bett wieder. Welche Erleichterung! Er hat ihn vor lauter Eile nicht eingesteckt. Er stand noch längere Zeit völlig neben sich und schlug beim Verlassen der Herberge die falsche Richtung ein, worauf ihn oki sofort aufmerksam machte. Unser Mitpilger hatte Glück, dass wir gerade noch da gewesen sind, sonst hätte er die Herbergsbetreuer anrufen und noch längere Zeit in quälender Ungewissheit ausharren müssen, bis jemand gekommen wäre und ihn erlöst hätte.
Der Jakobsweg lehrt uns Dinge. Irgendwo hat jeder eine Lektion zu lernen, auch wenn sie sich nicht gleich offenbart. Ich denke, Günters Lektion könnte den Titel tragen: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Ich könnte mir vorstellen, dass er als Gastronom täglich unter Zeitdruck steht. Dieses berufsbedingte Hetzen überträgt sich nicht selten auf die Freizeit. Man will in kürzester Zeit die größte Leistung bringen. Einem ehemaligen Kollegen von mir brachte dieses Hetzen einen Herzinfarkt, den er zum Glück überlebte und von dem er sich im Laufe der Zeit auch erholt hatte.
Da wir bis neun Uhr die Herberge verlassen mussten, die Stadtkirche St. Laurenzen allerdings erst um halb zehn ihre Pforten öffnete, machten wir es langsam und setzten uns auf eine Bank auf dem Weg dorthin. Und da sahen wir den Günter in einiger Entfernung zu uns vorbei laufen. Er sah uns nicht. Weit gekommen – dachte ich mir – ist er trotz größter Eile auch noch nicht. Aber gut, er wird schon seinen Weg machen, genau wie wir unseren.
In der St.-Laurenzen-Kirche, die sich zu dem Zeitpunkt teilweise in der Innenrenovierung befand, sprach uns die Touristendame an und bot uns Pilgerstempel an. Nach der Besichtigung der Stadtkirche wurde es Zeit, die prächtige Kathedrale St. Gallen zu besuchen. Die Stiftskirche und die barocke Klosteranlage wurden in der Mitte des 18. Jahrhundert erbaut. Die Kathedrale selbst steht an der Stelle, wo der irische Wandermönch Gallus im Jahr 612 eine Einsiedelei errichtete. Der Sakralbau gehört zusammen mit dem Stiftsbezirk zum Weltkulturerbe.
In der Kathedrale St. Gallen gefielen mir ganz besonders die grünen barocken Verzierungen, die schnell dahin geklatscht wirkten und wie wilde organische Wucherungen aussahen, gleichzeitig aber ein harmonisches Ganzes bildeten.
Nachdem wir uns Kombitickets „Stiftsbezirk gesamt“ gekauft hatten, die den Zugang zu der Stiftsbibliothek, dem Gewölbekeller und dem Ausstellungssaal des Stiftsarchivs gestatten, besuchten wir als Erstes die zuletzt erwähnte Sehenswürdigkeit. Der Ausstellungssaal war von der Größe her zwar recht überschaubar, aber dennoch sehr ansprechend und kurzweilig gestaltet. Es wurde die Geschichte des Klosters und des Klosterarchivs erzählt.
Mittlerweile meldete sich bei uns der kleine Hunger. Wir beschlossen zwischen den Ausstellungen eine Kleinigkeit zu essen und kehrten in einem kleinen netten Restaurant ein, dem Tibet Corner, wo wir uns leckere gebratene Momos zu Gemüte führten.
Als Nächstes ließen wir uns in der Stiftsbibliothek ins Staunen versetzen. Wie unglaublich beeindruckend die Innenausstattung und die Sammlung dort sind! Ich machte dort unzählige Fotos, so beeindruckt war ich von dem ganzen Ensemble.
Zum Schluss besuchten wir noch die Dauerausstellung im Gewölbekeller der Stiftsbibliothek: Gallus und sein Kloster – 1400 Jahre Kulturgeschichte. Dort merkten wir langsam, wie gesättigt und müde wir von stundenlangen Besichtigungen mittlerweile waren. Es wurde Zeit, St. Gallen zu verlassen und weiterzuziehen.
Auf dem Weg zum Bahnhof aßen wir noch was bei McDonald’s und kauften im nahen Supermarkt gemischte Salate fürs Abendessen ein. Die zehn Kilometer bis nach Herisau legten wir bequem per Zug zurück. Die Strecke von St. Gallen bis dorthin soll laut Pilgerberichten und Wanderführer eh nicht sehr prickelnd sein. Es war daher nicht schade, ein schnelleres Fortbewegungsmittel als die eigenen Beine zu benutzen.
Gegen halb sechs abends trafen wir am Bahnhof in Herisau an. Da wir erst um 19 Uhr in die private Unterkunft reindurften, hatten wir noch eineinhalb Stunden Zeit zum Überbrücken. Zwischen dem Bahnhof und der Katholischen Kirche Herisau befand sich eine recht komplizierte Baustelle und wir hatten etwas Mühe, uns zu orientieren. Schließlich fanden wir die richtige Überführung und besuchten erst einmal die schlichte Kirche.
Ein Blick auf mein wieder dahingeschmolzenes Handyguthaben verriet mir, dass ich noch strenger im Umgang mit dem Handy sein musste, wenn ich nicht täglich jede Menge Geld verbraten wollte.
Um circa 19 Uhr klingelten wir an der Tür unserer heutigen Bleibe. Eine nette, ältere Dame ließ uns in ihr Reich eintreten, zeigte uns das Zimmer und bot uns Tee an. Dieses Angebot nahmen wir sehr gerne an. Von unserem Zimmer aus konnten wir auf einen kleinen Balkon hinaustreten. Dort servierte uns unsere Gastgeberin den heißen Tee. Dazu aßen wir die in St. Gallen gekauften gemischten Salate und Semmeln und genossen den schönen Ausblick in der Abendsonne.
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