Etappe 25 | Via Jacobi | Herisau – St. Peterzell
Die heutige Übernachtung war unsere erste Nacht, die wir in einer privaten Wohnung in der Schweiz verbrachten. Die Wohnung der Dame war großzügig geschnitten in Vergleich zu den allgemeinen deutschen Standards, wie wir fanden. Im weiteren Verlauf unserer Pilgerreise stellten wir fest, dass solche Großzügigkeit der Wohnfläche keine Ausnahme war. Nicht nur relativ neue Häuser, sondern auch ältere, zeichneten sich nicht selten durch große Räume in offener Bauweise aus. Wir staunten über die weitläufigen Eingangsbereiche, von denen aus es in alle Zimmer ging.
Wir fragten uns, wie man sich die Miete oder das Eigentum hier leisten konnte, besonders wenn wir bei einer alleinstehenden Frau unterkamen. Nun ja, des Rätsels Lösung waren womöglich wir: Pilger, Wanderer und Touristen. Wir polierten das Budget der Gastgeber zweifelsohne auf.
Es war nicht das Einzige, was uns wohntechnisch aufgefallen war. In der Pilgerherberge in St. Gallen fielen uns die kreisförmig angeordneten Dreiersteckdosen auf. Ganz niedlich fand ich darüber hinaus die überwiegend weißen kugelförmigen Hahnoberteile an Wasserhähnen, mit deren Hilfe man das Wasser auf- und abdrehen kann. Ihr natürliches Habitat waren größtenteils die öffentlichen Toiletten.
Irgendwann fiel mir auch noch auf, dass die Bettdecken irgendwie anders zu handhaben waren. Nicht wie gewohnt. Und tatsächlich: Das Internet verriet mir, dass die schweizerische Standardgröße einer Bettdecke 160 auf 210 cm beträgt, während man in Deutschland Bettdecken im Format 135 auf 200 cm bevorzugt. Dass die Kissenstandardmaße unterschiedlich sind, konnte man mit bloßem Auge an der Form erkennen. In Deutschland sind es meistens quadratische Kissen (80 cm x 80 cm) und in der Schweiz kleinere längliche.
Soviel erst einmal zu Schweizer Wohnwelten und zurück zum Tagesgeschehen. Nach einer erholsamen Nacht fanden wir uns in der offenen Küche zum reichhaltigen Frühstück zusammen. Unsere Gastgeberin bot uns am Vorabend Lunchpakete für den heutigen Tag an, natürlich gegen angemessene Bezahlung. Da es ohnehin schwierig gewesen wäre, sich unterwegs mit Proviant einzudecken, nahmen wir diese Möglichkeit sehr gerne an. Die Lunchpakete bestanden jeweils aus einer vielfältig belegten Semmel und einem Apfel.
Bei der Verabschiedung an der Haustür entließ die nette ältere Dame uns mit den Worten: „Auf ‚Los‘ geht’s los. Los!“ in die weite Welt. Ich fand es witzig und sehr sympathisch. Es erinnerte mich an meine erste berufliche Tätigkeit in einer Zahnarztpraxis, denn mein Chef benutzte diesen Spruch auch. Auch andere Sätze wie: „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ und „Was nicht passt, wird passend gemacht“ blieben mir im Gedächtnis. Die letzten zwei Sprüche pflegte er bei komplizierten prothetischen Arbeiten von sich zu geben.
Unser Wandertag fing gleich zu Beginn mit einem Umweg wegen Straßenbauarbeiten an. Nachdem wir die letzten Häuser von Herisau hinter uns gelassen hatten, ging es sofort ohne Gnade so richtig anstrengend bergauf. Noch zu Hause beim Packen war ich am Überlegen, ob ich tatsächlich mehr als ein Päckchen Taschentücher brauchen würde. Jetzt fiel es mir wieder ein: Ja, auf jeden Fall brauche ich mehrere Päckchen und zwar, um den Schweiß von der Stirn an einem heißen Tag wie diesem abzutupfen! Einige Taschentücher mehr dabei zu haben machte durchaus Sinn, auch ohne Erkältung.
Der Aufstieg gleich nach Herisau war der erste von unzähligen Auf und Abs des heutigen Tages. Eine scheinbar endlose Kette grüner Hügel wollte bewältigt werden. Ich fand die Wanderung sehr anstrengend und trotz vielen schönen Aussichten nicht allzu abwechslungsreich, außerdem begannen meine Schienbeine zu schmerzen.
Um die Mittagszeit herum ließen wir uns auf einer Bank im Schatten eines Baumes nieder und genossen den Inhalt unserer Lunchpakete bei wunderschönem Panoramablick. Viel Zeit zum Pausieren hatten wir uns nicht gelassen. Weitere grüne Hügel warteten auf uns.
Auf unserer Wanderung standen wir plötzlich vor einer mit einem Stromdraht eingezäunten Kuhweide. Es gab kein Tor oder ein Drehkreuz zum Durchgehen. Man konnte den Draht allerdings gefahrlos mithilfe eines isolierenden Kunststoffgriffes aushängen, durchgehen und wieder einhängen. Ich kannte das bereits von meinen früheren Bergwanderungen in den Alpen. Für oki war das dagegen neu. Auf der Weide befanden sich gerade ein paar Kühe. Wir überquerten ganz ruhig ihr Terrain, auch wenn der Anblick der Kuhhörner meinen Blutdruck in die Höhe schnellen ließ. Heilfroh waren wir beide, als wir endlich den Ausgang erreichten.
Die einzige offene Einkehrmöglichkeit des Tages war das Gasthaus Hirschen in Risi. Dort machten wir eine Pause, wo oki sich ein Schweineschnitzel mit Pommes schmecken ließ und ich einen knackigen gemischten Salat.
Ohne zu Trödeln machten wir uns bald wieder auf den Weg, denn die Wettervorhersage verkündete Gewittergefahr. Der exponierte Wegverlauf auf den endlosen grünen Hügeln bot absolut keinen Schutz bei einem Gewitter. Das wollten wir nicht riskieren, also gingen wir zügig voran. Es dauerte nicht lange, bis es zunehmend windig wurde. Der Himmel am Horizont vor uns verdunkelte sich langsam. Das machte uns richtig Beine. Zum Glück blitzte es nicht. Andernfalls bliebe uns nichts anderes übrig, als schnurstracks runter vom Hügel zu gehen und Schutz bei einem Gehöft zu suchen. Wir behielten die dunklen Wolken die ganze Zeit im Auge. Es blieb auf jeden Fall spannend.
Endlich erreichten wir den Abstieg nach St. Peterzell. Es begann leicht zu regnen. Glücklicherweise reichte diese relativ kleine Wassermenge nicht aus, um den Weg zu einer Rutschpartie zu machen.
Die heutige Unterkunft Casa Claudia befand sich gleich am Ortseingang von St. Peterzell. Es war ein sehr uriges, holzverkleidetes Schmuckstück von einem Haus. Es gab sogar ein Haustürmchen. Das wunderschöne Haus thronte regelrecht über der Ortschaft und war von einem üppigen Garten in sehr steiler Hanglage umringt.
Mit der Hausherrin Claudia waren wir erst in eineinhalb Stunden verabredet. Wir klingelten trotzdem auf gut Glück an der Tür, aber niemand öffnete. Da wir ohnehin noch ins Dorfzentrum zum Einkaufen gehen wollten, ließen wir unsere Rucksäcke etwas weiter abseits am Haus stehen. Zur Ortsmitte waren es etliche Höhenmeter runter und dann wieder hoch zurück. Es wäre unnötig mühsam gewesen, die Rucksäcke mitzuschleppen.
Im Dorfladen gegenüber der Kirche kauften wir fürs Abendessen ein. Der Landgasthof Schäfle in der Nähe hatte heute Ruhetag, also war der gut sortierte kleine Laden eh die einzige Option für uns.
Bevor es zurück zur Unterkunft ging, statteten wir der Katholischen Kirche und Propstei St. Peterzell einen Besuch ab. Es ist eine nette Dorfkirche mit einem markanten Kirchturm, der alles gab, um den Jakobspilgern den Weg nach St. Peterzell zu weisen.
Wieder an der Casa Claudia angelangt sahen wir sofort, dass unsere Rucksäcke fehlten. Dafür stand ein kleines Auto in der Einfahrt. Ich nahm an, dass Claudia sie womöglich herein getragen hatte, sicher konnten wir aber nicht sein. Bei der herzlichen Begrüßung fragte sie uns, ob wir Angst bekommen hätten wegen der Rucksäcke und dass sie tatsächlich bereits im Haus auf uns warteten.
Claudia zeigte uns unser Zimmer und das Bad und lud uns auf einen Tee in die offene Küche ein. Zum Tee aßen wir unsere vorhin eingekauften Lebensmittel. Sie setzte sich zu uns an den großen Tisch und wir unterhielten uns wirklich wunderbar. Wir berichteten ihr von unserer Angst vor dem Gewitter und sie uns in welch desaströsem Zustand andere Pilger und Wanderer nach Ausrutschen beim Regen hier aufgetaucht seien.
Irgendwann zog sie sich in ihre Gemächer im ersten Stock zurück und wir hatten das ganze Erdgeschoß zu unserer alleinigen Verfügung.
Das Haus wurde passend zum äußeren Erscheinungsbild sehr gemütlich eingerichtet. Es wurden viel Holz und andere Naturmaterialien verbaut. Den alpin-rustikalen Einrichtungsstil ergänzten einige fernöstliche Gegenstände. Auch viele Aquarellgemälde schmückten das Haus. Claudia stellte nicht nur Konfitüre, Fruchtsäfte und Kräutertees selber her, sondern auch Wollsocken, die sie zum Verkauf anbot. Sie und ihr Mann Peter, der zurzeit selber auf einer Pilgerschaft war, besitzen keinen Fernseher, dafür aber sehr viele Bücher.
Sowohl das Haus als auch Claudias offene und herzliche Art beeindruckten uns sehr. Und als ob das noch nicht genug wäre, verabschiedete sich der Tag mit einem herrlichen Sonnenuntergang, den wir vom Erker im Haustürmchen aus mit Blick auf das Tal bewundern konnten.
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