Etappe 26 | Via Jacobi | St. Peterzell – Wattwil
Da wir für heute eine kürzere Strecke geplant hatten, konnten wir es uns erlauben, etwas später als sonst zu frühstücken. Wie gestern verabredet, tauchten wir pünktlich um neun Uhr in der offenen Küche auf. Claudia tischte uns eine wunderbare Auswahl an regionalen Produkten und selbstgemachten Köstlichkeiten auf einem Extratisch auf. Ein liebevoll gedeckter Esstisch wirkte ebenfalls sehr einladend.
Sie setzte sich wieder zu uns an den großen Tisch. Ein sehr interessantes und nettes Gespräch entwickelte sich. So erfuhren wir, dass sie Casa Claudia vor elf Jahren aufgebaut hatte und dass dieser Lebensabschnitt in zehn Tagen zu Ende geht. Mit der Schließung des Hauses verliert St. Peterzell eine wunderbare Unterkunft und Pilger, Wanderer und Urlauber eine erschwingliche Bleibe in familiärer Atmosphäre.
Das Schließen des B&Bs war nur ein kleiner Schritt ins neue Leben von Claudia und Peter. Sie hatten vor, in die Zentralschweiz umzuziehen. Dort erwartete sie größeres kulturelles Angebot, bessere Infrastruktur und breitgefächertere Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements, was vor allem Claudia reizte. Das Haus war bereits verkauft worden. In einem Monat sollte der Umzugswagen rollen.
In das Haus würde in ein paar Wochen eine Familie mit drei kleinen Kindern einziehen, verriet sie uns. Für kleine Kinder sei es paradiesisch, hier aufzuwachsen. Mit Teenagern sei es schon schwieriger, weil man sie überall hinfahren müsse, erzählte Claudia weiter. Und junge Erwachsene zögen meistens hier weg. Nun ja, das schönste Naturparadies hat auch seine Schattenseiten, wie wir sehen.
Mit einer so belesenen und viel gereisten Gesprächspartnerin wie Claudia war die Unterhaltung über Sprachen, Wandern, Politik und Geschichte das reinste Vergnügen. Wir konnten uns kaum trennen. Schade, dass wir hier nicht noch länger bleiben konnten.
Zu guter Letzt schrieb oki noch ein paar schöne Dankesworte ins Gästebuch. Auch die guten Wünsche für die von Claudia und Peter geplante Fernwanderung auf der Via Francigena durften nicht fehlen.
Erst gegen elf Uhr setzten wir unsere Pilgerreise fort, so spät wie noch nie. Wegen der kurzen Strecke war das aber kein Problem. Bevor es wieder auf die grünen Hügel hinaufging, versorgten wir uns im St. Peterzeller Dorfladen mit Proviant und schon bald darauf gab es wieder den ersten Aufstieg. Wie könnte es bloß anders sein? Man wird als Pilger gleich hinter einer Ortschaft auf die Berge hochgejagt, um dann beim nächsten größeren Ziel wieder abzusteigen. Ein dauerndes Auf und Ab. Natürlich steht bei der Konzeption der Pilger- und Wanderwege neben der Schönheit der Landschaft und dem kulturellen Erbe der Landstriche die Sicherheit im Vordergrund. Niemand will kilometerweise neben einer zwar kürzeren, aber dafür gefährlicheren, lauten und stinkenden Autostraße laufen.
Nach zwei Pausen im Grünen freuten wir uns darauf, im Restaurant Churfirsten einzukehren. Wir hofften auf Kuchen, auf etwas Konkretes hatten wir keinen Appetit. Leider erfüllte sich unsere Hoffnung nicht, daher begnügten wir uns also mit jeweils einem Kaltgetränk. Für die Apfelschorle und den Eistee zahlten wir schlappe elf Schweizer Franken. Schweizer Preise eben, passend zu der Höhe der Berge.
Da wir gut in der Zeit waren, widmeten wir uns etwas länger der dort ausgelegten Zeitung „Blick“. Wir stellten fest, dass sie das Niveau und den Charme einer „Bild“-Zeitung hatte. Im Radio liefen Schlager und Popmusik. Auch was Passendes wie: „Voyage, Voyage“ von Desireless war dabei oder auch: „Über sieben Brücken musst du geh‘n“ in der Interpretation von Peter Maffay. Letzteres katapultierte mich gedanklich sofort an den Anfang unseres Pilgerns.
Als es Zeit wurde, weiter zu gehen, fragte ich die Wirtin nach einem Pilgerstempel. Überraschenderweise hatte sie tatsächlich einen. Das freute uns sehr. Frohen Mutes setzten wir kurz danach den Jakobsweg fort. Der langgezogene Abstieg nach Wattwil begann.
Gegen halb fünf nachmittags erblickten wir unten im Tal unser Tagesziel. Ein Wiesenpfad führte uns an den Rand von Wattwil. Nach wenigen Hundert Metern standen wir auch schon vor einem imposanten Ensemble aus drei versetzt zueinander stehenden Einfamilienhäusern, die an einem steilen Hang gebaut wurden. Eine lange Treppe führte nach oben zu den Hauseingängen. Unsere heutige Bleibe befand sich im dritten, also im am höchsten gelegenen Haus. Wie könnte es doch anders sein? Wie so oft auf dem Jakobsweg wollte zum Schluss auch noch ein Quartier erklommen werden.
Ein groß gewachsener älterer Herr machte uns die Tür auf. Er trug eine helle, lockere Kleidung und hatte die Ausstrahlung eines Gurus. Diesen Eindruck verstärkte auch die spirituell klingende E-Mail-Adresse, die die Herbergseltern Rudolf und Anne für die Reservierungen der Pilgerzimmer benutzten.
Da wir im Vorfeld das angebotene vegetarische Abendessen dazu gebucht hatten, kamen wir in den Genuss, diese Mahlzeit gemeinsam mit unseren Gastgebern in ihrem Wintergarten einzunehmen. Wir verabredeten uns um neunzehn Uhr zum Essen. Zu diesem Zeitpunkt herrschte im Wintergarten bei offener Front eine angenehme Temperatur. Noch am Nachmittag wäre es zu heiß drin gewesen, versicherten uns die beiden.
Oki und ich wurden an der langen Seite des Tisches platziert, sodass wir einen schönen Ausblick in den Garten hatten. Rechts und links wurden wir von Rudolf und Anne flankiert. Sie setzten sich an die Kopfenden des Tisches.
Es gab eine schöne Auswahl an kalten Köstlichkeiten, unter anderen einen Tomaten-Mozzarella-Salat oder auch einen Salat mit Tofu. Dazu gab es Brot.
Gleich zu Beginn des Abendessens fragte uns Rudolf nach unserer Meinung zur Schweiz. Wir zählten einige Dinge auf, die wir an sich schon über die Schweiz wussten und auch die, die uns während unserer Pilgerschaft aufgefallen waren. Ich hatte das leise Gefühl, dass uns im Anschluss ein Vortrag seitens des Gastgebers erwarten würde. Mein Gefühl sollte mich nicht täuschen: Kaum waren wir mit der Aufzählung fertig, begann Rudolf auch schon zu monologisieren.
Ich hatte den Eindruck, dass er freie Zuhörerschaft sehr schätzte. Da traf es sich doch gut, dass solche in Form von Pilgern ins Haus flatterten. Nur, dass diesmal die Rechnung ohne oki gemacht wurde. Oki ist ein sehr gebildeter, belesener und mit rhetorischen Fähigkeiten ausgestatteter Mensch, der den Monolog im Nu in einen Disput verwandelte. Manch eine Aussage des Gastgebers konnte einfach nicht so stehen gelassen werden.
War ich froh, mich nicht an dieser Diskussion beteiligen zu müssen! Ich konzentrierte mich aufs Essen und beobachtete das Geschehen. Mir gefiel die am Tisch herrschende Stimmung nicht besonders gut und hielt mich deswegen da einfach raus.
Nach dem ersten Meinungsaustausch interessierte sich Rudolf dafür, woher ich denn wohl ursprünglich käme. Nun ja, ich kann verstehen, dass das Leute aufgrund meines Akzents gerne wissen wollen. Normalerweise beantworte ich diese Frage etwas ausgiebiger, diesmal allerdings war ich der Stimmung wegen etwas kurz angebunden, sagte nur: „Schlesien“ und wartete schweigend die Reaktion ab. Nach einem Moment der Stille, kommentierte Rudolf meine Antwort mit den Worten: „Es ist interessant, wie es doch immer ‚Schlesien‘ heißt.“ Damit meinte er, dass ich damit die Verbundenheit zu einer Region zum Ausdruck brachte und explizit das Wort „Polen“ vermied. Ich identifiziere mich absolut nicht mit diesem Staat und wer die Vor- und Nachkriegsgeschichte kennt, wird sich selber einen Reim darauf machen können.
Es stellte sich heraus, dass Rudolfs Mutter aus Oppeln stammt, meiner Geburtsstadt. Was für ein Zufall! Sie und ich sind also beide Aussiedlerinnen aus Schlesien, die nach dem Krieg – sie früher, ich naturgemäß später – nach Deutschland übersiedelten. Rudolf und oki haben also beide eine schlesische Mutter (oki zudem auch einen schlesischen Vater, so am Rande).
Wir vermuteten, dass Rudolf und Anne – des sehr deutschen Deutsch wegen, das sie sprachen – keine gebürtigen Schweizer sind, forschten allerdings nicht nach. Das verrieten sie uns im Nachgang von alleine. Beide kämen tatsächlich aus Deutschland, so des Rätsels Lösung.
Nach einer Stunde, satt und müde, bedankte ich mich für das tolle Essen und zog mich ins Zimmer zurück. Ich hatte ja noch einen Tagesbericht ins Reisetagebuch zu schreiben, während oki noch eine Weile da blieb, um das Gespräch über Politik, Wirtschaft und Soziales fortzuführen.
Später am Abend, als es draußen schon dunkel war, sahen wir vom Fenster aus die hell erleuchtete Burg Iberg. Morgen würden wir sie besteigen, allerdings wussten wir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
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