Etappe 27 | Via Jacobi | Wattwil – Oberricken-Walde
Pünktlich um acht Uhr früh fanden wir uns alle in alter Frische am Küchentisch zusammen. Ein angenehmes Gespräch entwickelte sich. So erfuhren wir, dass Rudolf und Anne genau heute ihren einundfünfzigsten Hochzeitstag feiern und aus diesem Anlass eine Wanderung zu einem Bergrestaurant geplant hatten. Das ist ja fantastisch im Alter von über Siebzig! Man muss schon sagen: Die Schweiz ist wie ein einziges riesiges Trainingsgelände, um sich fit zu halten. Und man muss nicht einmal die ganze Zeit gezielt die Berge besteigen, um den Blutkreislauf in Schwung zu bringen. Oft reicht es aus, vor die Haustür zu treten und schon geht es direkt entweder rauf oder runter.
Dem Gespräch entnahmen wir außerdem, dass der Beruf einer Physiotherapeutin oder eines Physiotherapeuten einen sehr hohen Stellenwert in der Schweizer Gesellschaft genießt. Ein gut funktionierender Bewegungsapparat ist schließlich eine wichtige Basis, den Herausforderungen des Geländes zu begegnen. Dementsprechend stolz sind unsere Gastgeber auf ihre Tochter, die eine Diplom-Physiotherapeutin mit eigener Praxis ist.
Rudolf und Anne hatten nicht nur interessante Tagespläne, sondern auch ein größeres Vorhaben. Sie hatten nämlich vor, ihr Haus zu verkaufen und in ein paar Monaten in eine Wohnung umzuziehen. Ein Pilgerzimmer wollten sie weiterhin anbieten, würden sich aber von zwei Pilgerzimmern auf eines reduzieren. Den Umzug wollten sie bewältigen, bevor sie Achtzig werden würden und solange sie körperlich und geistig fit genug dafür seien. Eine sehr vernünftige Entscheidung, wie ich finde.
Für unseren Teil waren wir froh – wie schon einmal in St. Peterzell – in den Genuss gekommen zu sein, eine Nacht in diesem schönen und großzügigen Haus zu verbringen. Einen Katzensprung vom Jakobsweg entfernt war die Lage dieser Pilgerunterkunft für uns wirklich optimal. Wie ich inzwischen erfuhr, liegt die neue Bleibe unserer Gastgeber etwas weiter weg vom Schuss. Also hatten wir auch diesmal Glück mit unserem Nachtquartier gehabt.
Da wir heute wieder eine kürzere Strecke vor uns hatten, erlaubten wir uns, etwas länger zu bleiben. Rudolf und Anne hatten nichts dagegen. Sie selber wollten auch erst später zu ihrer Wanderung aufbrechen.
Der Grund für die knapp neun Kilometer kurze Etappe war, dass ich unbedingt in einer bestimmten Unterkunft übernachten wollte, nämlich dem Pilgerhaus Jeanne d’Arc in Oberricken-Walde. Ich freute mich schon sehr auf das mittelalterliche Ambiente dieser Unterkunft.
Da auch eine noch so kurze Strecke gegangen werden will, brachen wir endlich gegen halb zehn auf. Wir durchquerten Wattwil und verließen nach einer Stunde die Ortschaft. Bevor der langgezogene Aufstieg begann, warfen wir noch einen Blick nach rechts zum ehemaligen Kloster St. Maria der Engel. Heute ist das eine Einrichtung für Menschen in schwierigen Situationen. Darüber hinaus gibt es dort für Jakobspilger die Möglichkeiten zu übernachten.
Am Ortausgang von Wattwil war die Wegführung etwas verwirrend, also beschlossen wir dem Wegweiser zur Burg Iberg zu folgen. Das war eine gute Entscheidung! An der Burg angekommen, stellte sich heraus, dass sie bestiegen werden konnte. Kurzerhand legten wir im Inneren des Eingangsbereichs der Burg unsere Rucksäcke ab und erklommen eine Treppe nach der anderen, bis wir ganz oben waren. Diese Anstrengung wurde mit tollen Aussichten belohnt.
Kurze Zeit nach uns betrat ein junges Wanderpaar die Burg und nuschelte zurückhaltend eine unverständliche Begrüßung in unsere Richtung. Später, als wir unsere Rucksäcke unten am Eingang aufsattelten, entdeckte ich eine kleine Jakobsmuschel an einem der kleinen Rucksäcke der jungen Leute. Also waren es Jakobspilger wie wir.
Ein schmaler Pfad führte uns Meter um Meter von der Burg weg. Beim Gehen dachte ich über meine spärlichen Fremdsprachenkenntnisse nach. Die letzten Tage waren voll intensiver sozialer Interaktionen. Noch konnte ich mich sprachlich daran beteiligen. Irgendwann wird unweigerlich Schluss damit sein. Spätestens im frankophonen Teil der Schweiz wird es mit dem Ausstauch schwierig bis unmöglich für mich werden. Auch mein Englisch ist wegen der politischen Situation zu meiner Schulzeit östlich des Eisernen Vorhangs grottenschlecht, denn wir mussten ab der fünften Klasse Russisch lernen, und Englischunterricht gab es nur in einer weiterführenden Schule ab der neunten Klasse, wenn man Glück hatte. Bei einem Gespräch auf Englisch kann ich ja daher nur hoffen, etwas zu verstehen. Das Sprechen ist so gut wie unmöglich, von einem echten Austausch ganz zu schweigen. Das Alles hatte zum Glück noch Zeit. Noch hatte ich die Möglichkeit, mich auf Deutsch zu unterhalten.
Da es heute sehr heiß war, legten wir bald wieder eine kleine Trinkpause ein. Da sahen wir die jungen Jakobspilger sich uns nähern. Wir beschlossen auf sie zu warten, um ein paar Worte zu wechseln. Der junge Mann sprach uns auf Englisch an und fragte, ob wir auch Pilger seien. Er erzählte uns, sie beide seien in Krakau in Polen gestartet und wollten bis Santiago de Compostela in einem Zug gehen. Sportlich, sportlich.
Als ich hörte, dass er aus Polen kommt – eine lustige Doppeldeutigkeit in diesem Fall, da ich vermutete, dass er polnischer Staatsbürger sei -, schaltete ich auf Polnisch um. Es fiel mir nicht leicht, mich von einem Augenblick auf den anderen umzustellen. Etwas holprig erzählte ich ihm von uns zwei.
Soviel zu meinen Sprachkenntnissen. Da machte ich mir gerade noch Kopf, dass ich so wenige Sprachen beherrsche und im nächsten Augenblick krame ich eine Sprache hervor, von der ich nicht gedacht hätte, dass ich sie auf dem Jakobsweg jemals benutzen würde. Der Jakobsweg hatte mich also eines besseren belehrt.
Grzegorz und seine Begleiterin hatten heute vor, bis nach Sankt Gallenkappel zu gehen, tags darauf planten sie Einsiedeln zu erreichen. Sie hatten noch keine Unterkunft für heute Nacht. Sehr mutig von ihnen und auf jeden Fall nichts für mich. Andererseits denke ich, wenn man vorhat, so eine lange Strecke in einem Wusch zu gehen, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, alles im Vorfeld zu buchen, und ein Irrsinn obendrauf. Unterkünfte im Vorfeld zu buchen funktioniert, meiner Meinung nach, nur bei einer überschaubaren Zeitspanne. Wie bei uns: zehn bis sechzehn Tage.
Da die beiden Jakobspilger noch eine lange Strecke vor sich hatten, ließen wir sie ziehen. So zügig, wie sie gehen, sehen wir uns nie wieder, dachte ich bei mir. Einige Zeit später erblickten wir von Weitem einen großen Baum am Wegesrand, eine Seltenheit auf dieser Etappe. Und da saßen die beiden dann dort. Als wir näher gekommen waren, brachen sie beinahe fluchtartig auf. Es gab also keine weitere Gelegenheit, sich mit ihnen zu unterhalten.
Sämtliche Bänke auf dieser Strecke standen in voller Sonne und das bei dieser mörderischen Hitze! Und zu allem Überfluss gab es entlang der Strecke fast keine Bäume. Auch, wenn die heutige Etappe relativ kurz war, was der stete Aufstieg bei diesen Temperaturen trotzdem sehr anstrengend.
Schritt für Schritt schleppten wir uns auf den höchsten Punkt des Hügels. Zu unserer Überraschung befand sich dort ein kleines Häuschen mit Sitzgelegenheiten und einen Kühlschrank voller kalter Getränke und Speiseeis! Alles auf Spendenbasis. Wir suchten uns ein Getränk namens Rivella aus. Das kannten wir noch nicht und wollten es probieren. Und was soll ich sagen? Wir liebten es auf Anhieb. Es war tatsächlich eine Offenbarung für uns. (Der Name Rivella leitet sich aus dem Tessiner Ortsnamen Riva San Vitale sowie dem italienischen Wort rivelazione „Offenbarung“ ab. Quelle: Wikipedia). Rivella ließen wir uns seitdem immer wieder gerne schmecken.
Bevor es für uns weiter ging, schrieben wir ein paar Dankesworte in das dort ausgelegte Gästebuch, Grzegorz und seine Begleiterin hatten sich zuvor darin ebenfalls verewigt. Das war die letzte Spur von ihnen, die wir sahen. Wir begegneten uns nicht noch einmal.
Nach der erfrischenden Pause mit unserem neuen Lieblingsgetränk begann der lange sanfte Abstieg. Die Hitze machte uns zu schaffen. Zum Glück hatten wir es nicht mehr weit.
An einem Haus sprach uns ein netter Anwohner an. Wir blieben wie immer in solchen Situationen kurz stehen. Franz – wie sich der Mann vorstellte – erzählte uns, wie es dazu kam, dass er jetzt hier wohne und dass er darüber sehr glücklich sei. Er ließ während seiner Ausführungen einen tiefen Glauben an Gott durchblicken. Er lud uns ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken. Wir schlugen diese nette Einladung jedoch höflich aus, denn wir wünschten uns einfach nichts sehnlicher als endlich am unseren Bestimmungsort anzukommen. Franz, der sich anscheinend zu einer Mission berufen fühlte, ließ aber nicht locker. Seiner Angabe nach nahmen 95% der von ihm angesprochenen Leute die Einladung zum Kaffee an. Nun ja, dann gehören wir halt – nicht zum ersten Mal im Leben – einer Minderheit an. Nach einer Viertelstunde in voller Sonne mit aufgesattelten Rucksäcken gelang es uns schließlich, höflich, aber zielstrebig, uns wieder in Bewegung zu setzen.
Einige hundert Meter weiter kamen wir in die Nähe eines militärischen Übungsplatzes. Das ließ sich nicht überhören. Nicht zum ersten Mal auf der Via Jacobi vernahmen wir Schüsse. Wollten die Schweizer uns damit demonstrieren, wie wehrhaft sie sind? Zum Glück ergaben sich durch die Schießübungen keine Behinderungen in Form einer Straßensperre, was in der Nähe militärischer Übungsplätze durchaus vorkommen könnte.
Eine knappe Stunde später erreichten wir das wunderbare Pilgerhaus Jeanne d’Arc in Oberricken-Walde. Roger, der Herbergsbetreiber, informierte uns im Vorfeld, dass er erst gegen siebzehn Uhr zu Hause sein würde, wir aber sehr gerne schon um fünfzehn Uhr die Unterkunft beziehen dürften. Darüber freuten wir uns sehr. Endlich würden wir wieder mal genug Zeit zum Durchatmen haben!
Kurz nach fünfzehn Uhr betraten wir von der Hitze erschöpft die umgebaute Scheune. Ein mittelalterlich inspiriertes Ambiente empfing uns. Zu unserer Überraschung kam Roger bald nach unserem Eintreffen zu uns. Er erklärte uns alles in der Unterkunft und wir vereinbarten auch gleich die Uhrzeit für das dazugebuchte Abendessen und das Frühstück morgen früh. Da sagte er uns, er hoffe, er verschlafe morgen nicht, weil er heute Nacht die Nachtwache (gemeint war damit die Totenwache) bei seinem vorgestern verstorbenen Vater halte. Oh! Ich drückte ihm unser Beileid aus.
Nach dem obligatorischen Duschen veranstaltete ich eine große Wäsche, denn dafür hatte ich heute reichlich Zeit. Außerdem wollte ich die Nachmittagssonne nutzen, um die Wäsche draußen vor der Pilgerherberge zu trocknen.
Pünktlich um siebzehn Uhr servierte uns Roger das Abendessen. Es gab einen Salat, Rösti mit Bratwurst und Apfelmus mit Zimt zum Nachtisch. Alles schmeckte hervorragend. Besonders schön war es, endlich einmal in den Genuss von Rösti – einem Schweizer Traditionsgericht – zu kommen. Die letzten Stunden des Tages verbrachte ich draußen vor der Herberge und nutzte das Tageslicht, um in mein Reisetagebuch zu schreiben.
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