Etappe 28 | Via Jacobi | Oberricken-Walde – Rapperswil
Eine geruhsame Nacht wich langsam dem Morgen. Roger, der sich als Herbergsvater wunderbar um seine Gäste kümmerte, brachte uns – wie gestern besprochen – um sieben Uhr das Frühstück. Es gab einen Hefezopf, Butter, Konfitüre und Käse. Roger weihte uns damit in die nächste kulinarische Schweizer Tradition ein. Sonntags wird in seiner Heimat nämlich gerne Zopf zum Frühstück („Zmorge“) gegessen. Dieses Hefegebäck aus Weißmehl hat in der Schweiz für gewöhnlich eine salzig-neutrale Note. In Deutschland und Österreich ist dagegen eher die süße Variante des Hefe- oder Butterzopfs verbreitet.
Da es sonntags keine Einkaufsmöglichkeiten auf der Strecke gibt, bekamen wir zwei zusätzliche Laugenstangen, die wir belegt mit Käse als Proviant mitnehmen konnten.
Während wir das süße Frühstück aßen, sammelte Roger schon mal die Bettwäsche und die Handtücher ein. Wir lobten seine Herberge. Mit ihrem mittelalterlichen Flair ist sie wahrlich etwas Besonderes auf der Via Jacobi. Er erzählte uns, dass Leute sogar ihre Anreise verschieben würden, um hier übernachten zu können. Das kann ich gut verstehen. Wir selber waren sehr froh, hier untergekommen zu sein und genossen den Aufenthalt in vollen Zügen.
In der Frische der Morgenstunden machten wir uns an den sanften Abstieg. Auf der heutigen Etappe bekamen wir die Gelegenheit, mehrere Kirchen und Kapellen zu besichtigen. Den Anfang machte die Katholische Kirche in Walde, eine entzückende kleine Dorfkirche mit einem wuchtigen Kirchturm.
Der nächste Sakralbau, den wir besuchten, war die St.-Ursula-Kapelle in Rüeterswil. Der spitze Dachreiter wies uns den Weg zu dieser schönen, farbenfroh ausgeschmückten Kapelle.
Da auch heute schattige Stellen sehr rar waren und bis jetzt alle Bänke in voller Sonne standen, boten uns die Kirchen und Kapellen am Weg eine willkommene Abkühlung und Sitzgelegenheit.
Der weitere Weg belohnte unsere Mühen mit schönem Bergpanorama in der Ferne und neugierigen Ziegen am Wegesrand. Zu unserem Glück fehlte nur noch eine Bank im Schatten. Und da sahen wir sie: die rettende Bank! Sogleich nahmen wir dieses herrliche Konstrukt in Beschlag. Ein riesiger Baum spannte seine schattenspendende Krone wie einen Sonnenschirm über uns.
Zur Kirche St. Laurentius und Gallus in St. Gallenkappel waren es nur noch zehn Minuten Fußmarsch, also blieben wir dann doch nicht allzu lange auf der Bank sitzen. Unseren Aufbruch beschleunigte der Anblick eines sich uns nähernden jungen Wanderpaares. Der Mann ging in einigem Abstand zu seiner Begleiterin vorne weg. Die beiden schienen pausenreif zu sein. Wir sprachen den jungen Wanderer an und boten ihm und seiner Nachfolgerin die Bank an. Dieses Angebot nahm er dankbar entgegen. Wir wechselten ein paar Worte. Sie sind wie wir Jakobspilger und hatten vor, heute bis nach Rapperswil zu gehen. Allerdings würden sie nicht wie wir in der dortigen Pilgerherberge übernachten.
Nach der Besichtigung der barocken Kirche in St. Gallenkappel ging es für uns in praller Sonne weiter. Kurz vor Neuhaus, der nächsten Ortschaft auf dem Weg nach Rapperswil, entdeckten wir am Wegesrand einen Felsbrocken, der – oh Wunder! – im Schatten lag. Wir überlegten nicht lange und legten wieder einmal eine kurze Verschnaufpause ein.
Kurze Zeit später ging eine Jakobspilgerin in meinem Alter an uns vorbei. Wir begrüßten uns gegenseitig. Sie blieb stehen und sprach sogleich den Mangel an schattenspendenden Bäumen entlang des Weges an. Dem konnten wir nur beipflichten. Sie erzählte uns, dass sie gestern gezwungen gewesen sei, 36 Kilometer zu gehen, weil sie in St. Peterzell keine Unterkunft gefunden habe. Also sei sie bis nach Wattwil weitergegangen, wo sie im Kloster schließlich eine Bleibe gefunden habe. Dort habe man sich darüber gewundert, wie man an einem einzigen Tag so viele Kilometer zurücklegen könne.
Wir hörten bei ihr einen bayerischen Einschlag heraus, und so fragte oki sie, ob sie aus Bayern käme. Das bejahte sie und stellte sich als Claudia aus Landsberg vor, aufgewachsen sei sie allerdings in Kempten. Das war das Stichwort, um zu erzählen, dass wir in den letzten Jahren Stück für Stück den Münchner Jakobsweg gegangen sind und dabei das Vergnügen hatten, den Kempter Wald zu durchqueren. Auch schwärmten wir vom Kempten-Museum im Zumsteinhaus.
Sie selbst sei im Juni dieses Jahres von zu Hause aus aufgebrochen, musste allerdings wegen Beinproblemen unterbrechen. Später kehrte sie auf den Jakobsweg zurück und habe nun vor, noch fünf Tage lang den Innerschweizer Weg zu gehen. Bei ihrer beneidenswerten Kondition und ungebrochenen Willenskraft würde sie das ganz sicher schaffen – daran hatte ich keinen Zweifel.
Wir ließen Claudia weiterziehen. Spätestens in der Herberge in Rapperswil würden wir uns wieder sehen, denn sie hatte auch vor, dort zu übernachten. So lange mussten wir allerdings gar nicht warten. Wir gabelten sie bereits kurze Zeit später an der Aabacher Holzbrücke auf. Dort machten wir gegenseitig Fotos voneinander. Diese überdachte Holzbrücke erinnerte mich an dem Film Die Brücken am Fluss mit der grandiosen Meryl Streep und dem Urgestein Clint Eastwood. Oki hatte bis zu diesem Zeitpunkt diesen Filmklassiker noch nicht gesehen gehabt. Also nahmen wir uns vor, es bei Gelegenheit nachzuholen.
Nach der Fotosession ließen wir Claudia zum zweiten Mal den Vortritt und trotteten in langsamerem Tempo hinterher. Irgendwann verloren wir sie aus den Augen.
Heute besuchten wir Kirchen und Kapellen in einer Tour, so, als ob es was nachzuholen gäbe. Die vierte im Bunde war die Kirche St. Jakob in Neuhaus SG, gefolgt von der Eschenbacher St.-Vinzenz-Kirche.
Bereits im Vorfeld hatten wir geplant, die heutige Wanderung in Eschenbach zu beenden und den restlichen Weg nach Rapperswil mit dem Bus zurückzulegen. Also buchte ich noch in der Kirche die Bustickets über die SBB Mobile App. Oh, wie glücklich wir waren, im Bus zu sitzen!
Am Bahnhof von Rapperswil angekommen, steuerten wir als Erstes einen Supermarkt an, um uns mit Lebensmitteln für das Abendessen einzudecken. Wie gut, dass zumindest die Läden am Bahnhof auch sonntags geöffnet haben!
Kurz nach sechzehn Uhr erreichten wir die Pilgerherberge Rapperswil. Im Eingangsbereich sahen wir schon einige Wanderschuhe stehen, unter anderen Claudias. Wie konnte das bloß sein? Wir hatten die restlichen neuen Kilometer mit dem Bus zurückgelegt. Zugegeben: Claudia geht schnell und ist ausdauernd, aber gleich so schnell? Es stellte sich heraus, dass sie falsch abgebogen war und sich dadurch plötzlich auf dem Weg nach Schmerikon befand.
Vermutlich passierte das gleich an der Kirche in Neuhaus. Dort verzweigt sich nämlich der Jakobsweg in zwei Varianten. Während wir weiter gen Westen nach Eschenbach gingen, schlug sie wohl den Wag gen Süden ein. Das würde erklären, warum wir sie seit der Holzbrücke nicht mehr gesehen hatten.
Nachdem Claudia ihren Fehler bemerkt hatte, beschloss sie, den Bus nach Rapperswil zu nehmen. Das war des Rätsels Lösung.
In der Herberge nahm uns der aus Franken stammende Hospitalero Günther in Empfang. Die Pilgerstempel der Herberge belegten die letzten freien Plätze in unseren ersten Pilgerausweisen. Das war kein Problem, neue, noch leere, Pilgerausweise hatten wir vorsorglich mit dabei.
Außer uns beiden checkten Claudia und ein Paar aus München ein. Also insgesamt fünf Jakobspilger. Im Schlafsaal gibt es zwölf Schlafplätze. Als wir alle fünf den Saal betreten hatten, sahen wir, dass bereits ein Bett mit Habseligkeiten belegt war. Das war etwas merkwürdig, weil diese sechste Person nicht beim gemeinsamen Check-in dabei gewesen war. Dann erklärte uns Günther, dass er am nächsten Tag nach einem einwöchigen Einsatz wieder nach Hause fahre und die abwesende Person seine Ablöse sei. Ah! Da läuft der Haase! Das erklärte das sechste vorzeitig in Beschlag genommene Bett im Schlafsaal.
Die Münchner Ursula und Johannes hatten vor, morgen nach der Ankunft in Einsiedeln sofort die Rückreise nach Hause anzutreten. Für oki und mir wäre so ein Manöver zu anstrengend. Nach einem langen Wandertag eine mehrstündige Rückfahrt drauf zu packen, wäre uns einfach zu viel, und obendrauf ein sehr abruptes Ende der Pilgerschaft. Ein langsameres Tempo ist mehr nach unserem Geschmack.
Nachdem wir geduscht und Wäsche gewaschen hatten, bereiteten wir uns das Abendessen vor. Die Küche hatten wir ganz für uns alleine, alle anderen hatten die Herberge verlassen. Diese Ruhe tat uns gut. Ich nutzte sie später auch, um in meinem Reisetagebuch zu schreiben.
Nun war es auch für uns an der Zeit einen kleinen Abendspaziergang durch die Rapperswiler Altstadt zu machen. Nach ein paar Schritten trafen wir auf das Wanderpaar, denen wir kurz vor St. Gallenkappel die wunderbare Bank im Schatten überlassen hatten. Die Frau strahlte förmlich. Sie waren gerade im See schwimmen gewesen. Wie schön. Nach einem kurzen Plausch wünschten wir uns einen guten weiteren Weg auf der Via Jacobi und verabschiedeten uns voneinander.
Als Erstes steuerten wir die Burg mit angrenzender Burgterrasse an. Von dieser Stelle aus konnten wir wunderschöne Aussichten über den Zürichsee im Westen und den Obersee in Osten genießen. Die Abendsonne tauchte alles in ein goldenes Licht. Das hat uns dazu veranlasst, runter zum Seeufer zu gehen. Wir wollten unbedingt dabei sein, wenn die Sonne im See versinkt. Nach diesem herrlichen Spektakel kehrten wir zur Herberge zurück.
Vor dem Zubettgehen setzten wir uns noch einmal in die Küche. Kurz darauf stießen Claudia und Günther zu uns. Ursula und Johannes waren in der Zeit noch schwer damit beschäftigt, ihren Rücktransport nach München zu organisieren, außerdem wollten sie wirklich zeitig im Bett sein, um in aller Herrgottsfrüh aufstehen zu können. Sie hatten einen noch längeren Tag vor sich als wir.
Das Küchentischgespräch mit Claudia, Günther, oki und mir war ein echt netter Ausklang des Tages. So schön es auch war, auch uns brachte die Müdigkeit recht früh in die Betten. Bereits Viertel nach Zehn lagen wir alle brav im Schlafsaal.
Es dauerte allerdings nicht lange, bis sich das Grauen breitmachte …
Das Phantom, äh, die Hospitalera, die den Günther morgen ablösen sollte, schlief bereits in ihrem Bett, als plötzlich ihre Kehle zum Leben erwachte. Und wie! Sie schnarchte, nein, sie sägte wie ein alter Holzfäller! Nicht mal die Ohrstöpsel in meinen Ohren vermochten dieser akustischen Attacke standzuhalten.
Eine tiefe Verzweiflung legte sich über meine Seele …
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