Etappe 29 | Via Jacobi | Rapperswil – Einsiedeln
Die letzte Nacht war die schlimmste auf dem Jakobsweg seit dem Beginn unserer Pilgerschaft 2019. Das hatte ich der schnarchenden Zimmergenossin zu verdanken. Sie war eine akustische Zumutung ohnegleichen, denn bei dieser Lautstärke und Ausdauer halfen die Ohrstöpsel nur bedingt. Gefühlt die halbe Nacht lag ich wach im Bett. Meine anfängliche Verzweiflung verwandelte sich Minute um Minute in pure Wut, was alles nur noch schlimmer machte. Ich musste zusehen, wie ich blutdrucktechnisch wieder runterkomme, um wenigstens etwas Schlaf zu bekommen. Zum Glück gewann die Müdigkeit schließlich die Oberhand und ließ mich endlich einschlafen.
Als ich gegen sechs Uhr morgens die Augen kurz aufschlug, erkannte ich im Halbdunkel, dass Ursula und Johannes ihre Rucksäcke bereits aufgesattelt hatten und im Begriff waren, den Schlafsaal zu verlassen. Kurze Zeit später machte sich auch Claudia fertig. Zehn Minuten nach sechs war es dann auch für mich an der Zeit aufzustehen.
Als ich nach meiner Morgenroutine in den Waschräumen in den Schlafsaal zurückkehrte, stand auch die Hospitalera auf. Obwohl sie an meiner schlechten Nacht schuld war, wollte ich meine gute Stube nicht vergessen und wünschte ihr einen guten Morgen. Doch sie grüßte nicht zurück. Die ganze Nacht war sie so unerbittlich laut – und jetzt bringt sie keinen Ton mehr heraus? Sie würdigte mich zudem keines Blickes! Ich fragte mich, wie man nur so unhöflich sein kann.
Eine Stunde später, nachdem oki und ich uns als einzige aus unserer Gruppe im Gästebuch verewigt hatten, verließen wir die Pilgerherberge. Der härteste Tag unserer mehrtägigen Wanderung lag vor uns.
Da wir in der Herberge kein Frühstück gegessen hatten, kauften wir bei einem Bäcker zwei mit Ei belegte Ciabattabrote. Weiteren Proviant holten wir uns in einem kleinen Supermarkt am Bahnhof. Mit dieser Beute ließen wir uns auf einer Bank am Seeufer nieder und frühstückten erst einmal ordentlich.
An der zweiten Bank rechts von uns wärmte sich gerade eine junge Nordic Walkerin auf. Der Schlafmangel, die Wut über das Benehmen der Herbergsbetreuerin und der Hunger ließen meine Belastbarkeit gegenüber so viel ablenkender Aktivität vonseiten der Sportlerin auf das Minimum senken. Als sie endlich soweit war, ihre Runden zu machen, wandte sie sich an uns und wünschte uns, wir mögen finden, wonach wir suchten. Nun ja, im Moment sehnte ich mich einfach nur noch nach Ruhe. Das war alles.
Als ich mich im Vorfeld über den Streckenverlauf von Rapperswil nach Einsiedeln informierte, freute ich mich schon sehr darauf, über den Holzsteg ans andere Seeufer zu gelangen. Nur wollte sich die Freude jetzt so gar nicht einstellen. Meine Gedanken und Gefühle waren noch zu stark von der zerstörten Nacht beeinträchtigt. Dann gab oki mir einen weisen Rat: Ich solle mir von der schnarchenden, unhöflichen Frau hier nicht alles verderben lassen. Mit aller Kraft kämpfte ich mich von den deprimierenden Gedanken frei und fing allmählich an, das Wandeln über dem Wasser zu genießen.
Verkehrsbedingt laut ging es für uns entlang einer viel befahrenen Straße und der angrenzenden Bahnstrecke weiter. Schritt für Schritt ließen wir Pfäffikon und den Zürichsee hinter uns.
Bevor es so richtig ans Eingemachte ging, rasteten wir auf einer Bank mit einem wunderschönen Blick über dem Zürichsee. Den glücklicherweise bewaldeten Aufstieg mit unzähligen Stufen fanden wir unheimlich anstrengend. Wir brauchten sehr viele Verschnaufpausen, bis wir endlich – abgekämpft, aber froh – den höchsten Punkt der heutigen Etappe erklommen: die St.-Meinrad-Kapelle.
Zur Belohnung kehrten wir in das gut besuchte Restaurant neben der Kapelle ein und nahmen auf der dazugehörigen Terrasse Platz. Eines der wenigen Male, dass wir ein Restaurant in der Schweiz aufsuchten! Eine sehr nette Bedienung nahm unsere Bestellung auf. Bei mir war es eine Gulaschsuppe mit Knoblauchbrot, bei oki ein Teller Gnocchi, beide preisbedingt von der Vorspeisenkarte. Dazu jeweils ein Getränk. Als wir das Essen serviert bekamen, staunten wir nicht schlecht. Die Portionen waren sehr knapp bemessen, um nicht zu sagen minimalistisch. Und dieser ganze Aufwand wurde nur betrieben, um schlappe 44 Schweizer Franken loszuwerden. Man zahlt ja anscheinend auch für die Bergluft mit und des Mangels an Konkurrenz wegen.
Eine Stunde später machten wir uns wieder auf den Weg. Nach einer Weile erreichten wir die überdachte Tüfelsbrugg (zu Deutsch: Teufelsbrücke) mit einem Gedenkstein für den Schweizer Arzt Paracelsus.
In der heißen Nachmittagssonne gestaltete sich die Pilgerschaft wieder einmal recht anstrengend. Umso mehr freuten wir uns über die Galgenchappeli, in der wir eine Pause einlegen konnten. Es ist eine überdachte Sitzmöglichkeit mit freiem Blick über den Sihlsee. Auf dem Wegweiser daneben lasen wir die Wanderzeitangabe bis zum Kloster Einsiedeln. Es sollten nur noch überschaubare 40 Minuten bis dahin sein. Nun ja, in unserem Fall müssen wir erfahrungsgemäß mindestens 50 Prozent der Zeit aufschlagen, um auf für uns verwertbare Angaben zu kommen. Und so war es auch. Eine Stunde später erreichten wir unser Ziel: das Kloster Einsiedeln!
Eingecheckt hatten wir im Hotel Linde, das wunderbarerweise bezahlbare Pilgerzimmer anbietet. Es sind einfache, zweckmäßig eingerichtete Zimmer mit einem Etagenbad. Die Betten waren weich, das Bettzeug gut und es gab ein Waschbecken im Zimmer. Was wollen zwei Pilger wie wir mehr? Ein eigenes Zimmer nur für uns alleine. Luxus pur!
Wir freuten uns wahnsinnig über die traute Zweisamkeit. Endlich wieder Ruhe. Die sozialen Interaktionen der letzten Tage waren zwar schön, ermüdeten uns aber gleichzeitig. Wir stellten fest, dass Übernachtungen in einer Pilgerherberge nicht unbedingt unserem Naturell entsprechen. Derweil war in Rapperswil nur die Hälfte der Betten belegt. Eine Vollbelegung möchte ich mir gar nicht erst vorstellen.
Trotz Muskelschmerzen mussten wir das Hotel noch einmal verlassen, um auf die Jagd nach Essen zu gehen. Uns stand nicht der Sinn nach einem Lokal, noch mehr Öffentlichkeit wollten wir uns nicht zumuten. Daher besorgten wir uns alles Nötige in einem Supermarkt, igelten uns in unserem Zimmer ein und genossen ganz entspannt den Abend.
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