Etappe 30 | Via Jacobi | Einsiedeln – Brunnen
Eine erholsame Nacht ging zu Ende und machte einem sonnigen Tag Platz. Der Blick aus dem Fenster vollendete den Morgen: Das Klosters Einsiedeln mit seiner majestätischen Kirche in der Mitte begrüßte uns sogleich; bereits gestern Abend hatten wir den Anblick des beleuchteten Ensembles genossen. Das Ankommen in Einsiedeln bedeutete für uns das Erreichen eines Meilensteins auf unserer Pilgerreise.
Trotz des ungestörten Schlafs steckte die Anstrengung der letzten Tage uns in den Knochen. Das eigene Waschbecken im Zimmer verleitete oki dazu, das Zähneputzen kurzerhand im Sitzen zu erledigen. Dieser ungewohnte Anblick animierte mich dazu, ein Foto davon zu machen. Aus Respekt vor dem Recht am eigenen Bild bleibt dieses jedoch im Privatarchiv.
Das Frühstück wurde zwischen acht und zehn Uhr serviert. Ich freute mich schon auf die Croissants sehr, die ich auf den Fotos im Internet gesehen hatte. Gegen halb neun betraten wir den großen Speisesaal mit dem aufgebauten Frühstücksbuffet. Als ich mir ein Croissant holen wollte, gab es keine mehr. Ich fragte die Bedienung, ob sie noch welche hätten und sie nachfüllen könnten. Leider hatten sie keine mehr. Das fand ich sehr schade. Um eins der knusprigen Gebäckstücke zu bekommen, müsste man wohl Punkt acht Uhr da sein.
Wir bedienten uns also an den anderen Köstlichkeiten und nahmen an einem Tisch in einer ruhigen Ecke Platz. In unserer Hörweite saß ein französischsprachiges Paar. Hmmm – ob die fehlenden Croissants womöglich damit in Verbindung standen? Ein kleiner, nicht ganz ernst gemeinter Gedanke.
Einige Zeit später betrat eine englischsprachige Familie den Raum und fragte, ob sie noch frühstücken könnten. Die Bedienung bejahte das und erklärte ihnen, dass sie nur mal kurz zum Bäcker rauschen müsste, um Nachschub an Backwaren zu holen. Nachdem sie vom Bäcker zurück gekehrt war, informierte sie mich darüber, dass es jetzt wieder Croissants gäbe. Nur, dass es jetzt für mich zu spät war. Ich war bereits satt. Kein Krümel passte mehr rein. Croissants und ich hatten an diesem Morgen einfach ein schlechtes Timing.
Nach dem Verlassen des Hotels gingen wir schnurstracks zum Kloster. Dort wollten wir unsere Pilgerausweise mit dem Pilgerstempel versehen und natürlich auch die Klosterkirche besuchen. Wir irrten auf der Suche nach dem Stempel umher, fragten vergebens eine Nonne danach und erwischten später einen Mönch, der uns weiterhelfen konnte. Er war gerade dabei, eine Besuchergruppe vom Klosterplatz ins Innere des Klosters zu holen, erzählte dann aber voller Freude über die Strecke, die wir heute machen würden, während wir artig nickten und insgeheim wussten, dass wir schon andere Pläne hatten. Wir durften mitkommen. Im Klostergebäude übergab er uns an eine andere Person, die uns nach etwas zu langer Wartezeit endlich bediente.
Mit der heißersehnten Trophäe, äh Pilgerstempel, in der Tasche besuchten wir die prächtige, farbenfroh verzierte Kirche mit der Schwarzen Madonna in der Gnadenkapelle. Erst kurz vor elf Uhr waren wir bereit, Einsiedeln zu verlassen und weiterzuziehen.
Den heutigen Streckenverlauf hatten wir zum großen Teil unseren individuellen Wünschen angepasst. Deswegen unterscheidet er sich besonders bis Schwyz wesentlich von dem offiziellen Jakobsweg. Der „richtige“ Jakobsweg verläuft hinter Alpthal westlich von Klein Mythen über Haggenegg bis nach Schwyz. Unser Plan war, den Grossen Mythen östlich zu umgehen. Die Bezeichnung „umgehen“ sollte man in diesem Zusammenhang jedoch nicht wörtlich nehmen. Wir hatten vor, uns einer technischen Errungenschaft, nämlich der Berglifte, zu bedienen.
Aber jetzt zurück auf Anfang. Vom Kloster Einsiedeln begaben wir uns auf dem direkten Wege zum Bahnhof, von wo aus wir einen Bus bis zur Talstation der Seilbahn in Brunni nahmen. Dort angekommen, sahen wir, wie uns gerade eine kleine Gondel vor der Nase wegfuhr. Die nächste kam eine Viertelstunde später. Und so fuhren wir kurze Zeit später mit drei anderen Fahrgästen den Berg hinauf. Die Fahrt dauerte nur fünf Minuten, die wir trotz der kurzen Dauer voll und ganz genossen. Jedes Mal übt eine Fahrt mit einem Berglift eine große Faszination auf mich aus. Vielleicht liegt es daran, dass es für mich sowohl etwas unheimlich als auch wunderschön ist – zwei Gefühle in einer wechselhaften Koexistenz.
Nachdem wir die Fahrt in der Bergstation bezahlt hatten, setzten wir uns im Schatten des Gebäudes draußen auf die Wiese hin und aßen unseren Proviant. Der Blick ins Tal und auf die Felswände des Grossen Mythen und seiner Nachbarberge war faszinierend.
Um auf der anderen Seite des Berges wieder runter zu kommen, mussten wir zur Bergstation einer anderen Seilbahn gelangen: der Rotenfluebahn. Bis zu dieser Bergstation waren es knappe zwei Kilometer. Also machten wir uns auf die Socken.
Alle paar Meter musste ich stehen bleiben, um Fotos zu machen. Ein herrliches Fotomotiv jagte das nächste. Und als wir dann noch den Vierwaldstättersee in der Ferne sahen – das Endziel unserer Pilgerreise in diesem Jahr -, gab es für mich kein Halten mehr. Das sonnige Wetter begünstigte diese fast schon ausufernde Fotosession sehr. An diesem Tag machte ich die meisten Bilder im Vergleich zu den anderen Tagen unserer diesjährigen Pilgerschaft.
An der Bergstation der Rotenfluebahn angekommen, entdeckten wir dort eine Aussichtsplattform. Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und standen kurze Zeit später auf dem Dach der Bergstation. Der weite 360-Grad-Blick vom Gipfel entschädigte jede Mühe.
Nun war es an der Zeit, vom Berg runterzukommen. Also begaben wir uns zur Kasse und zeigten dem Kassierer die ausgedruckte Online-Buchung der Tickets vor. Er schien zunächst etwas verwirrt zu sein und fragte uns, ob wir die Tickets im Voraus bezahlt hätten. Nachdem ich das bestätigt hatte, suchte er im Computer nach dem richtigen Eintrag. Schließlich fand er unsere Buchung und händigte uns die Fahrtickets aus.
Nach rund zehn Minuten Fahrzeit erreichten wir die Talstation in Rickenbach. Auf dem Weg nach Schwyz machten wir einen kurzen Stopp an einer Infotafel über Schwyzer Gemeinde und besuchten danach die Kapelle St. Maria Magdalena.
Am Hauptplatz von Schwyz endete vorerst unser individuell geplanter Jakobsweg. Bevor wir jedoch als brave Pilger die Wanderung auf dem offiziellen Weg wieder aufnahmen, legten wir im Schatten der Bäume an der Katholischen Kirche St. Martin eine Pause ein. Wir ließen unseren Blick über den Hauptplatz schweifen und bewunderten dabei die mit kunstvollen Malereien verzierte Fassade des Schwyzer Rathauses.
Nach der Besichtigung der spätbarocken Kirche St. Martin steuerten wir ohne Umschweife einen Supermarkt an. So viel Schönheit macht wohl hungrig.
Mit ordentlicher Beute an Essen und Trinken setzten wir uns an einen Tisch vor dem Laden und machten erst einmal Brotzeit.
Plötzlich bekam ich einen Anruf aufs Handy. Es war Graziella, unsere heutige Gastgeberin in Ingenbohl. Sie wollte von uns wissen, wann wir schätzungsweise bei ihr ankommen würden. Ich sagte ihr, dass wir sehr langsam gehen und wohl noch zwei bis drei Stunden brauchen würden – eher drei als zwei.
Das wollte sie mir nicht recht abnehmen. Es seien doch nur noch vier Kilometer, dafür benötige man nicht länger als 50 Minuten, entgegnete sie. Na ja, sie meinte wohl die direkte Strecke von Schwyz nach Ingenbohl, die man mit dem Auto zurücklegt.
Wir aber hatten vor, erstens bis zum Ufer des Vierwaldstättersees in Brunnen zu gehen, zweitens den Jakobsweg zu nehmen, der jede noch so kleine Kapelle auf den Weg mitnimmt und sich dadurch in die Länge zieht, und drittens machte uns die mörderische Hitze, die mittelweile herrschte, wirklich zu schaffen. Daher unsere Schätzung von etwa drei Stunden.
Trotz meiner Erklärungen kam ich bei Graziella nicht weiter und sah mich – langsam am Ende meiner Geduld angekommen – gezwungen, das Gespräch an oki weiterzugeben. Nun, oki konnte mit Engelsgeduld eine feste Ankunftszeit vereinbaren, die Graziella schließlich akzeptierte. Und jetzt halten wir uns alle mal fest: Sie einigten sich auf einen Zeitpunkt in zwei und dreiviertel Stunden. Zwinker, Zwinker.
Die letzten rund sechs Kilometer bis zum Ufer des Vierwaldstättersees legten wir in der brütenden Nachmittagshitze zurück. Da sich der Beton- beziehungsweise Asphaltboden während des Tages stark aufgeheizt hatte, fühlten wir uns wie in einem Backofen mit Ober- und Unterhitze.
Und so brutzelten wir vor uns hin, während wir die vielen Kapellen und Kirchen entlang des Weges sahen und nach Möglichkeit besuchten. Der Reihe nach waren dies: die Wegkapelle St. Barbara, die Kapelle zur schmerzhaften Muttergottes (Büelerkapelle), die Fünf-Franzen-Kapelle, die Pfarrkirche St. Antonius in Ibach, die Erlenkapelle, die Zahnwehkapelle, die Kapelle St. Wendelin, die Pfarrkirche St. Leonhard in Ingenbohl sowie das Kloster Ingenbohl – allerdings nur aus der Ferne.
In Ibach bekamen wir die Gelegenheit, an einer „heilligen Stätte“ der besonderen Art vorbeizukommen: dem Stammsitz von Victorinox, einem der traditionsreichsten Hersteller des Schweizer Taschenmessers.
Kurz nach achtzehn Uhr erreichten wir endlich den ersehnten See. Nicht ohne Rührung ließ ich meinen Blick über das Wasser schweifen. Auch oki war froh, das Ziel unserer diesjährigen Pilgerschaft auf der Via Jacobi erreicht zu haben.
Nach einer Rast auf einer Bank in Ufernähe war es für uns zwei abgekämpfte Pilger an der Zeit, die Gesellschaft der entspannt schlendernden Touristen zu verlassen und uns zu unserem Nachtquartier zu begeben.
Pünktlich zur vereinbarten Zeit – abends um halb sieben – klingelten wir an Graziellas Tür. Nachdem sie uns in Empfang genommen und uns anschließend das Zimmer und das Bad gezeigt hatte, lud sie uns auf ein erfrischendes Glas kalten Wassers in die Küche ein. Wir hielten einen kleinen Plausch.
Sie stimmte uns darauf ein, dass wir vielleicht die Bekanntschaft zweier Katzen machen würden, die hin und wieder zu ihr zu Besuch kämen. Na, das wollen wir doch als zwei absolute Katzenmenschen hoffen!
Da wir nichts zum Abendessen dabei hatten, rückte oki noch schnell zum Einkaufen raus, bevor die Läden schlossen. War ich heilfroh, das angenehme Nest hier heute nicht mehr verlassen zu müssen – ich war wirklich völlig platt. Wir fackelten nicht lange und gingen zeitig ins Bett. Am nächsten Morgen wollten wir kurz nach acht Uhr die Wohnung verlassen, um den Zug um 8:55 Uhr nach Zürich zu erreichen.
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