Abreise | Via Jacobi | Brunnen – Vohburg
Der Tag unserer Abreise war gekommen. Bevor wir allerdings in Zürich den Fernbus nach München besteigen würden, wollten wir die Wartezeit für eine Besichtigung der Stadt nutzen, die dem Zürichsee ihren Namen gab.
Kurz nachdem Graziella die Wohnung verlassen hatte, packten wir unsere sieben Sachen zusammen und machten uns auf den Weg zum Bahnhof.
Beim dortigen Bäcker holten wir uns zwei leckere Ciabatta-Semmeln mit Ei. Um den Proviant zu vervollständigen, gingen wir noch in den benachbarten Supermarkt einkaufen.
Gleich auf dem Bahnsteig frühstückten wir, während wir auf den Zug nach Zürich warteten. In der Morgensonne gefiel uns die rund einstündige Zugfahrt durch die schöne Landschaft sehr.
Zum ersten Mal in der Schweiz wurden unsere Zugtickets kontrolliert. Das gehört zwar nicht zu den angenehmsten Dingen während einer Zugfahrt, ist aber etwas, womit man rechnen muss.
Kurz vor zehn Uhr kamen wir am Hauptbahnhof in Zürich an. Wir hatten circa viereinhalb Stunden Zeit bis zur Abfahrt unseres Fernbusses. Also machten wir uns daran, die Stadt entlang des Westufers der Limmat bis zur Quaibrücke am Zürichsee zu erkunden.
Schon vom Weiten sahen wir den Turm der Reformierten Kirche St. Peter mit ihrer großen, markanten Uhr und steuerten geradewegs auf sie zu. Zum ersten Mal sah ich eine reformierte Kirche von innen und fand die Ausstattung überaus interessant.
Ein paar Schritte von St. Peter entfernt befindet sich das Fraumünster, das früher eine Klosterkirche gewesen ist. Dort hatten wir die Möglichkeit, die Schönheit der Buntglasfenster zu bewundern, von denen fünf von Marc Chagall entworfen wurden. Außerdem besichtigten wir dort auch die archäologische Krypta, die 2016 museal gestaltet wurde.
Nach so viel geistiger Nahrung meldete sich zur Abwechslung der leibliche Hunger. Seit Tagen hielten wir Ausschau nach einem Dönerladen, doch leider fanden wir auf dem Weg keinen. Also begnügten wir uns mit einem Einkauf in einem Supermarkt und deckten uns mit viel Proviant ein, der auch für die Rückreise reichen musste. Natürlich durfte unser neues Lieblingsgetränk nicht fehlen: Eine zusätzliche Flasche Rivella kauften wir für zu Hause, damit die andere Hälfte der Familie ebenfalls in den Genuss kommen konnte.
In der Nähe des Zürichsees fanden wir im Schatten der Bäume eine freie Bank für unsere Brotzeit. Wir ließen uns Zeit und genossen die Pause.
Als wir dann bereit waren weiterzugehen, brach bei oki die Schnalle am Hüftgurt des Rücksacks. Das erinnerte uns sofort an das Ende des Münchner Jakobsweges, als die große Schnalle an meinem Rucksack ihren Geist abgegeben hatte. Zum Glück geschah es auch diesmal erst zum Ende unserer Pilgerreise.
Diesmal waren wir allerdings darauf vorbereitet: Wir holten eine Ersatzschnalle aus dem Rucksack und machten uns ans Werk, sie zu wechseln. Wir rechneten aber nicht damit, dass die Schraube an der neuen Schnalle so schwer auf zu bekommen sein würde. Einen kleinen Schraubenzieher hatten wir nicht dabei, also überlegten wir, welchen Gegenstand wir dafür zweckentfremden könnten.
Der erste Versuch mit der Nagelfeile scheiterte – sie war einfach zu dick. „Jetzt wäre ein Schweizer Messer genau richtig“, meinte oki. Damit konnte ich leider nicht dienen. Doch dann fiel mir ein, dass wir ein kleines kurzes Küchenmesser dabeihatten, mit dem wir unsere Äpfel in Spalten schneiden.
Nach mehreren Versuchen gelang es uns endlich, die Schraube zu lockern und die Schnalle auszutauschen. Mission erfüllt.
Ein paar Schritte weiter erreichten wir den Zürichsee und ließen unseren Blick über das Wasser gleiten. Noch vor wenigen Tagen standen wir an einer ganz anderen Stelle des langgezogenen Sees: in Rapperswil, wo wir dem wunderschönen Sonnenuntergang beiwohnten.
Über die Quaibrücke erreichten wir das östliche Ufer der Limmat und bogen sogleich links ab, um langsam zurück zum Bahnhof zu gehen.
Eine letzte Kirche auf dem diesjährigem Jakobsweg wartete noch auf uns: das Grossmünster. Die romanische Kirche besticht durch ihr klares und majestätisches Erscheinungsbild. Schade nur, dass ein Teil des Altarraums zu diesem Zeitpunkt eingerüstet war. Das zeigt, dass man sich um die Erhaltung des beeindruckenden Sakralbaus kümmert – was wiederum sehr erfreulich ist. Natürlich erkundeten wir auch die Krypta, in der sich die originale Sitzfigur von Karl dem Grossen befindet.
Ein Blick auf die Uhr verriet uns, dass wir langsam, aber sicher die Rückkehr zum Hauptbahnhof anstreben sollten. Nach einem kleinen Schlenker durch die Gassen landeten wir auf der letzten Zielgeraden.
Über die Bahnhofsbrücke gelangten wir in die Nähe des Bahnhofs und tauchten sogleich in die Unterführung hinab. Dort steuerten wir zunächst die Toiletten an – ein letzter Boxenstopp vor der Heimreise. Und zu unserer Überraschung entdeckten wir in den Untiefen des Bahnhofs tatsächlich einen Dönerladen! Nun war es allerdings zu spät für einen Döner. Erstens waren wir bereits satt, und zweitens wollten wir nicht zur olfaktorischen Belastung für unsere Mitreisende werden. Auf Reisen setzten wir immer auf geruchsneutralen Proviant.
In der Bahnhofshalle hatten wir vor, unsere kleinen Tagesrucksäcke rauszuholen, um Essen und Wasser darin zu verstauen. Leider fanden wir keine einzige Bank in der großen leeren Halle vor und konnten dadurch dieses logistische Manöver nicht ohne weiteres durchführen.
Resigniert machten wir uns auf den Weg zur Zürich Bus Station in der Hoffnung, dort eine halbwegs bequeme Möglichkeit zum Umpacken zu finden. Und tatsächlich: Es gab dort einen verglasten und damit gnadenlos aufgeheizten Wartebereich mit Sitzmöglichkeiten. Trotz tropischer Temperaturen nutzten wir die Gelegenheit und führten unser Umpack-Manöver in Windeseile durch.
Es war uns unbegreiflich, wie man Menschen solche Temperaturen zumuten kann. Dennoch war der Wartebereich proppenvoll. Vermutlich lag das daran, dass es draußen sonst keine vernünftige Sitzgelegenheit gab.
Die Zürich Bus Station verdiente 2023 ihre Bezeichnung absolut nicht und war – meiner Meinung nach – einer Stadt wie Zürich nicht würdig. Der Platz glich eher einem wilden Parkplatz mit Bäumen mittendrin. Unregelmäßige Parkflächen, ungepflegtes Gras und herumliegende Steinbrocken verstärkten den desolaten Eindruck. Sitzbänke? Fehlanzeige. Toiletten? Nicht vorhanden. Eine Anzeigetafel? Überflüssig – schließlich gab es nicht einmal nummerierte Bussteige.
Alles wirkte chaotisch und unübersichtlich. Die Befürchtung, den Bus zu verpassen, trieb mich dazu, immer wieder einen Rundgang über das Gelände zu machen und nach dem richtigen Bus Ausschau zu halten.
Schließlich bemerkte ich, wie ein Fernbus seine Anzeige aktualisierte. Es war unser Bus. Sogleich holte ich oki und wir reihten uns in die Warteschlange ein. Andere verwirrte Mitreisende erkundigten sich bei uns, ob sie hier richtig seien. Das bestätigte ich auch. Anscheinend strahlten wir beide eine vertrauenserweckende Kompetenz aus, stellte ich amüsiert fest.
Die Busfahrt war insgesamt recht angenehm. Zu Beginn jedoch, als wir es uns alle im Bus gemütlich gemacht hatten, fühlte sich ein junger Mann in unserer Nähe so frei und packte seine stark riechende Brotzeit aus. Der penetrante Wurstgeruch verschlug mir den Atem. Schade, dass nicht jeder Rücksicht auf seine Mitmenschen nimmt.
Die Strecke von Zürich nach München führte über Konstanz, wo der Bus mit einer Fähre ans andere Ufer des Bodensees übersetzte. Das fand ich spannend. Etwas unangenehm war lediglich, dass während der Überfahrt bei abgestelltem Motor auch die Klimaanlage nicht lief – und es im Bus langsam, aber sicher immer wärmer wurde.
Wir erreichten München sehr pünktlich, sodass wir den Zug nach Ingolstadt problemlos erwischten. Auch der Umstieg in den Zug nach Rockolding verlief reibungslos – welch ein Wunder!
Diesmal wurden wir nicht vom Bahnhof in Rockolding abgeholt, sondern machten uns zu Fuß auf den viereinhalb Kilometer langen Heimweg. Inzwischen war es dunkel geworden und die nächtliche Wanderung entwickelte sich zu einem kleinen Abenteuer. Die vorbeifahrenden Autos blendeten uns und unsere Augen mussten sich immer wieder aufs Neue an die Dunkelheit gewöhnen, bevor wir weitergehen konnten. Wir wollten ja nicht auf dem Weg stolpern.
Erst gegen halb elf abends kamen wir endlich zu Hause an. Diesmal kehrten wir in ein leeres Haus zurück, da die andere Hälfte der Familie ausgeflogen war – so hatten wir es im Vorfeld abgesprochen. Weil ich den Jakobsweg diesmal gesund und ohne Verletzungen überstanden hatte, stand den Unternehmungen der anderen Familienmitglieder nichts im Wege. Am Samstag in drei Tagen würden wir uns alle wieder sehen. Darauf freute ich mich schon sehr.
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